Anthurium × Chantrieri André

Anthurium × ChantrieriAndré

Ein historisch dokumentierter Anthurium-Hybrid aus der Gärtnerei der Chantrier-Brüder

Anthurium × Chantrieri gehört zu den bemerkenswerten historischen Anthurium-Hybriden des 19. Jahrhunderts. Der Hybrid wurde 1884 von Édouard André beschrieben und entstand in der Gärtnerei der Chantrier-Brüder in Mortefontaine bei Paris.

André nennt als Eltern ausdrücklich Anthurium subsignatum × Anthurium ornatum. Die Pflanze ist damit keine natürlich vorkommende Art, sondern ein gezielt erzeugter horticultureller Hybrid.

Seine Geschichte ist besonders interessant, weil die ursprüngliche Beschreibung ungewöhnlich detaillierte Angaben zu Wuchsform, Blättern und Blütenstand enthält, während über einen heutigen Fortbestand des Hybriden bislang kein verlässlicher Nachweis gefunden werden konnte.


Wissenschaftliche Einordnung

MerkmalEinordnung
NameAnthurium × Chantrieri
AutorÉdouard André
Jahr der Beschreibung1884
FamilieAraceae
GattungAnthurium
Statushistorischer horticultureller Hybrid
ElternAnthurium subsignatum × Anthurium ornatum
Heutige Einordnung von A. ornatumAnthurium nymphaeifolium
EntstehungsortMortefontaine, Frankreich
ErzeugerChantrier Frères

Herkunft und Entstehung

Anthurium × Chantrieri entstand in der Gärtnerei der Chantrier-Brüder in Mortefontaine, Frankreich.

Die Entstehung ist durch die Veröffentlichung von Édouard André aus dem Jahr 1884 ungewöhnlich gut dokumentiert. Die Chantrier-Brüder arbeiteten gezielt mit verschiedenen Anthurium-Arten und Hybriden und verwendeten unter anderem A. magnificum, A. ornatum, A. subsignatum und A. crystallinum für Kreuzungsversuche.

Für den später als A. Chantrieri bezeichneten Hybrid nennt André eindeutig:

A. subsignatum fécondé par A. ornatum

also Anthurium subsignatum × Anthurium ornatum.


Die historische Entstehung

Die eigentliche Geschichte des Hybriden beginnt damit, dass die Chantrier-Brüder verschiedene Anthurium-Arten gezielt miteinander kreuzten. André berichtet 1884, dass aus diesen Kreuzungen zahlreiche kräftige Sämlinge hervorgingen, von denen mehrere bereits zur Blüte gelangt waren.

Unter diesen Pflanzen beschrieb er unter der Nummer 3:

Anthurium × Chantrieri

André hebt besonders den ungewöhnlichen Habitus und die kräftige Entwicklung der Pflanze hervor. Aufgrund ihrer bemerkenswerten Eigenschaften und ihrer Herkunft aus der Gärtnerei der Chantrier-Brüder entschied er sich, ihr den Familiennamen der Züchter zu geben.

Damit ist der Name Chantrieri unmittelbar mit der historischen Entstehung des Hybriden verbunden.


Originalbeschreibung

Die historische Erstbeschreibung erschien 1884 in:

Édouard André, „Nouveaux Anthurium hybrides“, Revue horticole 56: 100–102.

Für Anthurium × Chantrieri beschreibt André unter anderem:

  • eine sehr kräftige Pflanze mit schönem Habitus,
  • gelbbraune bis lohfarbene Blattscheiden an der Basis,
  • zylindrische, olivgrüne Blattstiele,
  • ein aufrechtes, nur wenig verdicktes Gelenk,
  • eine Tendenz zu einem stärker stängelbildenden bzw. subkauleszenten Wuchs,
  • dreieckige bis rhomboidale, zugespitzte Blätter,
  • einen sehr weit geöffneten Blattsinus,
  • weit ausgebreitete basale Lappen,
  • dunkelgrüne, glänzende Blattflächen,
  • deutlich hervortretende schräge bis annähernd parallele Nerven,
  • schlanke grüne Blütenstandsstiele,
  • eine aufrechte, elfenbeinweiße Spatha,
  • sowie einen zylindrischen, dunkelvioletten Spadix.

Die Beschreibung ist für die heutige Rekonstruktion des Hybriden besonders wertvoll, da bislang kein authentisches modernes Bild der Pflanze bekannt ist.


Morphologie

Die Blätter von Anthurium × Chantrieri werden von André als dreieckig bis rhomboidal beschrieben und besitzen eine ausgeprägte Spitze.

Besonders charakteristisch ist der sehr weit geöffnete Sinus, der die beiden basalen Lappen voneinander trennt. Diese Lappen sind weit ausgebreitet und bilden dadurch eine auffällige, fächerartige Blattbasis.

Die Blattoberfläche wird als dunkelgrün und glänzend beschrieben. Die Nerven treten deutlich hervor und sind auf beiden Seiten der Blattspreite erkennbar.

Die Kombination aus der markanten Blattform von A. subsignatum und der Wuchsrichtung von A. ornatum dürfte dem Hybrid seinen ungewöhnlichen Habitus verliehen haben.

André erwähnt ausdrücklich eine Tendenz zu einem subkauleszenten Wuchs, also zu einer stärker stängelbildenden Erscheinung, wie sie bei A. ornatum beobachtet wurde.


Blütenstand

Der Blütenstand sitzt auf einem schlanken, zylindrischen und grünen Pedunkel, der kürzer als der Blattstiel beschrieben wird.

Die Spatha ist:

  • elfenbeinweiß,
  • aufrecht,
  • länglich,
  • zugespitzt,
  • an der Basis eingerollt bzw. convolut.

Besonders auffällig ist der Kontrast zwischen der hellen Spatha und dem von André beschriebenen dunkelvioletten, zylindrischen Spadix.

Diese Kombination gehört zu den wichtigsten Merkmalen, die bei einer historischen Rekonstruktion des Hybriden berücksichtigt werden müssen.


Taxonomische Geschichte

Der Name Anthurium Chantrieri wurde im Zusammenhang mit der 1884 von Édouard André beschriebenen Hybride verwendet.

Das vorangestellte × kennzeichnet den Namen heute als Hybridnamen:

Anthurium × Chantrieri

Die historische Kreuzung wurde von André als

A. subsignatum × A. ornatum

angegeben.

Bei der modernen taxonomischen Interpretation muss berücksichtigt werden, dass Anthurium ornatum Schott heute von Kew als Synonym von Anthurium nymphaeifolium K.Koch & C.D.Bouché behandelt wird.

Die historische Elternangabe wird dadurch nicht verändert. Für die Dokumentation von × Chantrieri ist es wichtig, zwischen der historischen Nomenklatur von 1884 und der heutigen taxonomischen Einordnung zu unterscheiden.


Historische Kulturgeschichte

Die Chantrier-Brüder waren im 19. Jahrhundert als Gärtner in Mortefontaine (Oise), Frankreich, tätig.

Die Hybridisierung von Anthurien war zu dieser Zeit Teil einer zunehmend spezialisierten europäischen Gewächshauskultur. Besonders attraktiv waren Pflanzen, die auffällige Blattformen, ungewöhnliche Spathen oder kräftige Wuchsformen miteinander kombinierten.

Anthurium × Chantrieri wurde 1884 gemeinsam mit weiteren neuen Anthurium-Hybriden veröffentlicht.

Eine zeitgenössische Notiz im The Florist and Pomologist desselben Jahres bestätigt ebenfalls die Ausstellung von zwei verschiedenen Anthurium-Hybriden der Chantrier Frères. Dort wird A. Chantrierii ausdrücklich als Kreuzung von A. subsignatum × A. ornatum genannt.

Auch Jules Rudolph nahm den Hybrid 1898 in sein Werk über kultivierte Aronstabgewächse auf und bestätigte seine Herkunft sowie die markanten Merkmale von Blatt, Spatha und Spadix.


Ein historischer Hybrid ohne gesicherten heutigen Nachweis

Hier beginnt ein besonders interessanter Teil der Geschichte.

Obwohl Anthurium × Chantrieri im 19. Jahrhundert eindeutig dokumentiert wurde, konnte bislang kein verlässlich authentifizierter lebender Bestand gefunden werden.

Ebenso liegt derzeit kein sicher zuordenbares modernes Foto, keine eindeutig belegte botanische Garten-Akzession und kein nachprüfbarer aktueller Kulturbericht vor.

Damit lässt sich momentan nicht feststellen, ob der historische Hybrid bis heute erhalten geblieben ist.

Für Variegata.Vienna ist deshalb eine vorsichtige Formulierung entscheidend:

Der heutige Fortbestand von Anthurium × Chantrieri ist derzeit nicht belegt.

Das bedeutet nicht automatisch, dass der Hybrid ausgestorben ist. Es bedeutet lediglich, dass gegenwärtig kein ausreichender Beleg für seine Existenz in Kultur vorliegt.

Gerade bei einem historischen Gartenhybriden aus dem 19. Jahrhundert ist diese Unterscheidung von großer Bedeutung.


Natürlicher Lebensraum

Anthurium × Chantrieri besitzt keine natürliche Verbreitung, da es sich um einen künstlich erzeugten horticulturellen Hybrid handelt.

Seine ökologischen Eigenschaften lassen sich daher nicht mit einem natürlichen Verbreitungsgebiet beschreiben.

Die Eltern stammen jedoch aus tropischen Regionen Mittel- und Südamerikas und gehören zu unterschiedlichen natürlichen Lebensräumen innerhalb der Gattung Anthurium.

Die historische Kultur des Hybriden erfolgte dagegen unter europäischen Gewächshausbedingungen.


Variegata.Vienna Empfehlung

Anthurium × Chantrieri ist weniger wegen seiner heutigen Verfügbarkeit als wegen seiner botanischen und horticulturellen Geschichte von besonderem Interesse.

Die Pflanze dokumentiert eine frühe Phase gezielter Anthurium-Hybridisierung, in der europäische Gärtner begannen, die auffälligen Eigenschaften verschiedener Arten systematisch miteinander zu kombinieren.

Besonders wertvoll ist die ungewöhnlich präzise Beschreibung durch Édouard André aus dem Jahr 1884.

Solange kein lebendes Material eindeutig nachgewiesen werden kann, sollte jede heutige Darstellung des Hybriden ausdrücklich als historische Rekonstruktion gekennzeichnet werden.


Kultivierung und Pflege

Da kein authentisch dokumentiertes lebendes Material von Anthurium × Chantrieri bekannt ist, können keine artspezifischen modernen Pflegeempfehlungen mit derselben Sicherheit gegeben werden wie bei etablierten lebenden Anthurien.

Für eine historische Rekonstruktion der Kulturbedingungen können jedoch die Ansprüche der Eltern als Orientierung dienen.

Zu erwarten wäre eine Kultur unter:

  • hellem, indirektem Licht,
  • hoher Luftfeuchtigkeit,
  • guter Luftbewegung,
  • lockerer, luftreicher Substratstruktur,
  • gleichmäßiger, aber nicht staunasser Wasserversorgung,
  • warmen, stabilen Temperaturen,
  • und einem humusreichen, aber gut drainierenden Wurzelraum.

Diese Angaben sind als abgeleitete Kulturorientierung und nicht als experimentell bestätigte Pflegeanleitung für einen heute erhaltenen × Chantrieri-Klon zu verstehen.


Variegata.Vienna Einschätzung

KategorieBewertung
Botanische Seltenheit★★★★★
Historisches Interesse★★★★★
Kultivierbarkeit★★★☆☆*
Sammlerinteresse★★★★★
Dokumentarischer Wert★★★★★

* Die Bewertung der Kultivierbarkeit ist aufgrund des fehlenden gesicherten modernen Pflanzenmaterials nur eingeschränkt aussagekräftig.

Variegata.Vienna Einschätzung:
Ein außergewöhnlich interessanter historischer Anthurium-Hybrid. Seine Bedeutung liegt heute vor allem in der dokumentierten Geschichte seiner Entstehung und in der ungewöhnlich detaillierten Originalbeschreibung. Ob Anthurium × Chantrieri noch kultiviert wird, bleibt Gegenstand weiterer Untersuchung.


Nomenklatur

Historischer Name:
Anthurium Chantrieri

Hybridnotation:
Anthurium × Chantrieri

Erstbeschreibung:
Édouard André, 1884

Historische Eltern:
Anthurium subsignatum × Anthurium ornatum

Moderne taxonomische Einordnung des zweiten Elternteils:
Anthurium ornatum Schott → Anthurium nymphaeifolium K.Koch & C.D.Bouché

Der Name Chantrieri ehrt die Chantrier-Brüder, in deren Gärtnerei in Mortefontaine der Hybrid entstand.


Historische Quellen und Literatur

André, É. (1884).
Nouveaux Anthurium hybrides.
Revue horticole 56: 100–102.

The Florist and Pomologist (1884).
Bericht über die von Chantrier Frères ausgestellten Anthurium-Hybriden, darunter A. Chantrierii.

Rudolph, J. (1898).
Caladium, Anthurium, Alocasia et autres Aroïdées de serre.
Paris.

Kew – Plants of the World Online.
Taxonomische Einordnung von Anthurium ornatum und Anthurium nymphaeifolium.


Variegata.Vienna Enzyklopädie

Anthurium × Chantrieri steht beispielhaft für eine heute nur noch schwer greifbare Epoche der europäischen Anthurium-Kultur.

1884 wurde der Hybrid von Édouard André als Ergebnis einer gezielten Kreuzung von Anthurium subsignatum und Anthurium ornatum beschrieben. Seine dreieckigen bis rhomboidalen, glänzend dunkelgrünen Blätter, die elfenbeinweiße Spatha und der dunkelviolette Spadix machen ihn zu einer ungewöhnlichen historischen Hybride.

Ob diese Pflanze heute noch existiert, ist bislang ungeklärt.

Variegata.Vienna dokumentiert daher nicht nur die Pflanze, sondern auch die Lücke in ihrem heutigen Nachweis.

Gerade darin liegt der Wert einer botanischen Enzyklopädie: Nicht nur das Bekannte zu bewahren, sondern auch vergessene Namen, historische Quellen und offene Fragen für zukünftige Forschung festzuhalten.