
Anthurium crystallinum Linden & André
Wissenschaftlicher Name
Akzeptierter Name: Anthurium crystallinum Linden & André
Autoren: Jean Jules Linden & Édouard André
Nomenklatorische Erstpublikation: Catalogue Général, Nr. 90, Taf. 128 (1873)
Historische Abbildung: L’Illustration horticole, Tome XX, Pl. 106 (1873)
Familie: Araceae
Gattung: Anthurium
Sektion: Cardiolonchium
Typus: Wallis s.n., Kolumbien, K (K000434239)
Überblick
Anthurium crystallinum Linden & André gehört zu den charakteristischsten großblättrigen Anthurien der historischen Sammlungs- und Kulturgeschichte.
Die Art wurde 1873 von Jean Jules Linden und Édouard André wissenschaftlich veröffentlicht. Grundlage der Beschreibung war eine lebende Pflanze, die von Gustav Wallis im Jahr 1872 in den Wäldern Neugranadas gesammelt und anschließend im Linden’schen Garten in Brüssel kultiviert wurde.
Die historische Originaldiagnose enthält ausdrücklich den Hinweis:
Ad vivum descripsi (haud florentem) in horto Lindeniano.
Die Pflanze wurde also nach dem lebenden Exemplar beschrieben, befand sich zum Zeitpunkt der Beschreibung jedoch nicht in Blüte.
Bereits die Erstbeschreibung hebt die außergewöhnliche Blattwirkung hervor: eine intensiv grüne Oberfläche mit kristallinem Glanz und regelmäßig silbern gezeichneten Mittel- und Hauptnerven. Damit wurde ein Merkmal festgehalten, das bis heute zu den prägendsten Eigenschaften der Art gehört.
Die heutige taxonomische und geografische Einordnung muss dabei von der historischen Literatur getrennt betrachtet werden. Nach Kew’s Plants of the World Online ist Anthurium crystallinum aktuell als akzeptierte Art anerkannt und besitzt ein natürliches Verbreitungsgebiet von Panama bis Kolumbien.
Kurzfakten
Natürliche Verbreitung: Panama bis Kolumbien
Kolumbien: 500–1000 m ü. M.
Wuchsform: immergrüner, epiphytischer Halbstrauch
Lebensraum: feuchte tropische Wälder
Stamm: kurz, dick und kriechend
Wurzeln: fleischig und behaart
Blätter: groß, herzförmig, dunkelgrün und samtig
Blattzeichnung: silbrig bis schneeweiß, mit ausgeprägter Nervatur
Junge Blätter: purpurviolett
Für Kolumbien gibt Kew Höhenlagen von etwa 500–1000 m ü. M. an. Diese Höhenangabe sollte nicht als Höhenbereich für das gesamte Verbreitungsgebiet von Panama bis Kolumbien verstanden werden.
Geschichte
Wallis – 1872
Die Geschichte von Anthurium crystallinum beginnt mit Gustav Wallis.
Im Jahr 1872 wurde die Pflanze in den Wäldern Neugranadas gesammelt. Ein entsprechendes Wallis-Exemplar befindet sich heute im Herbarium von Kew und ist als Typusmaterial gekennzeichnet:
Wallis s.n., Colombia – K000434239.
Damit besitzt die Art einen unmittelbar mit ihrer historischen Entdeckung verbundenen Beleg.
Linden – Brüssel, 1873
Nach der Sammlung gelangte die lebende Pflanze in den Linden’schen Garten in Brüssel.
Dort wurde sie von Édouard André untersucht und nach dem lebenden Exemplar beschrieben. Die historische Diagnose macht ausdrücklich deutlich, dass die Pflanze zu diesem Zeitpunkt nicht blühte.
Die nomenklatorische Erstpublikation erfolgte 1873 in:
Catalogue Général, Nr. 90, Taf. 128.
Die historische Veröffentlichung ist damit klar von der späteren bildlichen Darstellung in L’Illustration horticole zu unterscheiden.
Die historische Abbildung
Ebenfalls 1873 erschien eine Darstellung von Anthurium crystallinum in Édouard Andrés L’Illustration horticole.
Die im historischen Band enthaltene Tafel trägt:
L’Illustration horticole – Tome XX – Pl. 106 (1873)
Die Lithographie stammt von P. de Pannemaeker.
Die Abbildung dokumentiert die Pflanze nicht nur botanisch, sondern zeigt eindrucksvoll die ornamentale Wirkung, die bereits im 19. Jahrhundert für Aufsehen sorgte.
Eine Sensationspflanze in Gent
Die historische Literatur beschreibt Anthurium crystallinum als eine der bemerkenswerten Blattpflanzen ihrer Zeit.
Nachdem Anthurium magnificum bei Liebhabern wegen seines außergewöhnlichen Laubwerks für Aufsehen gesorgt hatte und wenig später A. regale diese Wirkung noch übertraf, wurde auch A. crystallinum als außergewöhnliche Erscheinung wahrgenommen.
In Gent gehörte die Art zu den sogenannten Sensationspflanzen. In der historischen Beschreibung wird sie mit A. magnificum verglichen und bildlich als dessen „jüngerer Bruder“ charakterisiert.
Besonders hervorgehoben wurde der kristalline Glanz der Blattoberfläche sowie die auffällige silberweiße Nervatur.
Die historische Beschreibung hebt diesen „kristallinen“ Glanz so deutlich hervor, dass die Bedeutung des Artepithetons crystallinum unmittelbar anschaulich wird. Eine ausdrückliche historische Aussage, dass das Epitheton genau aus diesem Grund vergeben wurde, liegt hier jedoch nicht vor.
1873–1887: Was sich tatsächlich belegen lässt
Zwischen der Erstbeschreibung von 1873 und den Wiener Quellen von 1887 ist Vorsicht geboten.
Historische Anthurienliteratur wurde vielfach weitergegeben, kopiert und später interpretiert. Aussagen über eine bestimmte frühe Kultur bei Kew, Veitch oder Schönbrunn dürfen deshalb nicht allein aufgrund späterer Sekundärliteratur als Tatsache übernommen werden.
Für die Variegata.Vienna-Enzyklopädie gilt daher:
Nur historisch dokumentierte Stationen werden als gesichert dargestellt.
Botanische Beschreibung
Originaldiagnose von 1873
Die historische Originaldiagnose beschreibt die Pflanze folgendermaßen:
glabrum; caudex crassus, brevissimus, repens, radicibus carnosis pubescentibus; squamae basilares ovato-acutae rubrae aut rufae; petioli graciles ad basim rubescentem incrassati breviter vaginantes mox teretes olivacei lenticulis albis subepidermodeis conspersi, apice geniculo erecto brevi cylindrico subcurvato; lamina ampla, A. magnificum magnitudine formaque referens, ovato-cordata abrupte acuminata mucronata inter nervos subgibbosa, sinu modico, auriculis rotundatis equitantibus, pagina superior intense viridis nitore crystallina praecipue ad nervorum conjunctionem micantissima, in costa nervisque praecipuis arcuatis vitta argentea regulariter depicta, margine lineato-purpurata; pagina inferior pallide viridis; folia juniora purpureo-violacea; flores ….
Anschließend folgt die ausdrückliche Abgrenzung zu A. magnificum:
Ab A. magnifico petiolis cylindricis haud tetrapteris, geniculo tereti haud alato-contorto, costis haud erectis, sinu mediocri, vittis niveis transversatibus et radiantibus valde distinguenda species.
Die Diagnose endet mit:
In sylvis Novae-Granatae lecta, anno 1872. — Ad vivum descripsi (haud florentem) in horto Lindeniano. — Ed. A.
Deutsche Wiedergabe
Die Pflanze ist kahl. Der Stamm ist dick, sehr kurz und kriechend und besitzt fleischige, behaarte Wurzeln. Die grundständigen Schuppen sind eiförmig zugespitzt und rot bis rötlichbraun.
Die Blattstiele sind schlank, an der rötlichen Basis verdickt und zunächst kurz scheidig, anschließend zylindrisch. Sie sind olivgrün und mit weißen, unter der Epidermis liegenden Lentizellen besetzt. An der Spitze befindet sich ein kurzes, zylindrisches, leicht gekrümmtes Gelenk.
Die Blattspreite ist groß und entspricht in Größe und Form Anthurium magnificum. Sie ist eiförmig-herzförmig, abrupt zugespitzt und besitzt eine mäßige Ausbuchtung. Die Öhrchen sind abgerundet und überlappen einander.
Die Oberseite ist intensiv grün und besitzt einen kristallinen Glanz, der besonders an den Verbindungen der Blattnerven hervortritt. Mittelrippe und Hauptnerven sind regelmäßig von silbernen Bändern gezeichnet. Der Blattrand ist purpurrot liniiert.
Die Unterseite ist blassgrün. Junge Blätter sind purpurviolett.
Gegenüber Anthurium magnificum unterscheidet sich die Art insbesondere durch die zylindrischen statt vierflügeligen Blattstiele, das runde statt geflügelte bzw. gedrehte Gelenk, die weniger aufrecht hervortretenden Rippen, die mäßige Blattausbuchtung sowie die schneeweißen Quer- und Strahlenbänder.
Die Pflanze wurde 1872 in den Wäldern Neugranadas gesammelt und nach einer lebenden, jedoch nicht blühenden Pflanze im Linden’schen Garten beschrieben.
Vergleich mit Anthurium magnificum
Die historische Originaldiagnose stellt A. crystallinum ausdrücklich A. magnificum gegenüber. Mehrere der damals genannten Merkmale eignen sich deshalb besonders gut für einen direkten Vergleich.
| Merkmal | Anthurium magnificum | Anthurium crystallinum |
|---|---|---|
| Blattstiel | vierflügelig | zylindrisch |
| Gelenk (Geniculum) | geflügelt bzw. gedreht | zylindrisch, leicht gekrümmt |
| Mittelrippe | stärker lamellenartig ausgeprägt | weniger aufrecht hervortretend |
| Blattzeichnung | silbrig-grün | auffallend silbern bis schneeweiß |
| Blatteinschnitt | tiefer | mäßig |
| Öhrchen | stärker getrennt | abgerundet und einander überlagernd |
| Quer- und Strahlenbinden | weniger kontrastreich | auffallend schneeweiß |
Diese Unterschiede sind nicht moderne Interpretationen, sondern wurden bereits in der Originaldiagnose von 1873 ausdrücklich zur Abgrenzung der beiden Arten herangezogen.
Kultivierung
Anthurium crystallinum wächst als epiphytischer Halbstrauch in feuchten tropischen Lebensräumen. In Kultur sollte deshalb vor allem eine Kombination aus hoher Luftfeuchtigkeit, guter Luftbewegung, ausreichendem Licht und einem luftigen Substrat gewährleistet werden.
Licht: etwa 10.000–20.000 Lux
PPFD: ungefähr 50–150 µmol/m²/s
Direkte Sonne: keine intensive Mittagssonne
Luftfeuchtigkeit: mindestens etwa 60 %, optimal häufig 70–85 %
Temperatur: etwa 18–27 °C
Nachttemperatur: möglichst nicht dauerhaft unter 16 °C
Das Substrat sollte luftig und strukturstabil sein und die epiphytische Lebensweise berücksichtigen. Die Wurzeln benötigen Feuchtigkeit, dürfen aber nicht dauerhaft in sauerstoffarmem, nassem Substrat stehen.
Eine gleichmäßige Versorgung mit Wasser bei gleichzeitig guter Belüftung ist entscheidender als ein starrer Bewässerungsrhythmus.
Wien 1887
Eine besonders interessante historische Spur führt nach Wien.
In der Wiener Illustrirten Garten-Zeitung sowie in der 1887 erschienenen Schrift „Über Befruchtung und Anzucht der Anthurien“ ist die Verwendung von Anthurium crystallinum-Pollen im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung dokumentiert.
Damit lässt sich die Art bereits im Jahr 1887 eindeutig im Kontext gezielter Anthurien-Züchtungs- und Bestäubungsversuche nachweisen.
Das ist für die Geschichte von A. crystallinum besonders interessant, weil die Art damit nicht lediglich als dekorative Blattpflanze erscheint, sondern bereits im 19. Jahrhundert in die experimentelle Kultur und künstliche Vermehrung von Anthurien einbezogen wurde.
Eine konkrete Kreuzung Anthurium crystallinum × A. magnificum lässt sich daraus jedoch nicht als historisch bewiesen ableiten.
Sie bleibt eine interessante historische Möglichkeit, solange kein eindeutiger Primärbeleg für genau diese Kreuzung vorliegt.
Ebenso sollte A. crystallinum nicht pauschal als „Mutter vieler moderner Hybriden“ bezeichnet werden, solange eine solche Abstammung nicht für die jeweilige Linie dokumentiert ist.
Taxonomie
Akzeptierter Name: Anthurium crystallinum Linden & André
Familie: Araceae
Gattung: Anthurium
Sektion: Cardiolonchium
Typus: Wallis s.n., Colombia, K (K000434239)
Kew’s Plants of the World Online akzeptiert Anthurium crystallinum Linden & André derzeit als gültige Art.
Das aktuelle natürliche Verbreitungsgebiet wird mit Panama bis Kolumbien angegeben.
Kew führt außerdem folgende heterotypische Synonyme:
Anthurium crystallinum f. peltifolium Engl.
Anthurium killipianum L. Uribe
Die heutige taxonomische Einordnung ist dabei von historischen Angaben zu unterscheiden. Ältere Literatur kann deutlich größere Verbreitungsgebiete nennen; für die aktuelle Enzyklopädie wird hier die gegenwärtige Kew-Einstufung zugrunde gelegt.
Referenzen
Linden, J. & André, É. (1873). Catalogue Général, no. 90, t. 128.
André, É. (1873). L’Illustration horticole, Tome XX, Pl. 106. P. de Pannemaeker, del. & lith.
Wiener Illustrirte Garten-Zeitung (1887).
Über Befruchtung und Anzucht der Anthurien (1887).
Royal Botanic Gardens, Kew. Plants of the World Online. Anthurium crystallinum Linden & André.
International Aroid Society. Anthurium crystallinum.
World Flora Online. Anthurium crystallinum Linden & André.
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